Kurz-Info: Vorsokratik - Von Xenophanes bis Demokrit

Neben der ionischen Küste Kleinasiens (und den vorgelagerten Inseln) ist auch Italien ein wichtiger Schauplatz der Vorsokratik. Außer den pythagoreischen Gemeinschaften in verschiedenen Orten Unteritaliens spielen auch die Philosophen aus der griechischen Siedlung Elea (leicht südlich des heutigen Neapels) eine bedeutende Rolle in der Geschichte der Vorsokratik.

Mit dem Auftritt der sogenannten Eleaten verändert sich in der Vorsokratik einiges. Insbesondere der Kopf der eleatischen Philosophie, Parmenides, tritt mit einem Anspruch auf unbedingte Geltung und Gewissheit auf, wie man es so vorher in der Vorsokratik nicht kannte. Parmenides behauptet, dass, wenn man nicht den trügerischen Einflüsterungen der Sinne folge, sondern sich seinen Einsichten anvertraue, man dann mittels eines neuen Typs von Philosophie zu sicheren Einsichten gelangen könne. Der Kernpunkt seiner Philosophie ist dabei: Es gibt nur ein einziges, unteilbares, unbewegliches, einheitliches, alles erfüllendes, kugelförmiges Seiendes. Eine Vielheit von Dingen mit Bewegung, Veränderung, Werden und Vergehen gibt es nicht. Dies ist nur eine uns von den Sinnen vorgegaukelte Illusion.

Aber langsam: Parmenides war nicht der erste Vorsokratiker, den Elea uns zu bieten hat.

Der erste Vorsokratiker im italienische Elea war Xenophanes. Er vertrat seine Theorien mit einer gewissen Zurückhaltung. Ja, er wies sogar extra darauf hin, dass alles, was er vortrage, nur Vermutung und kein sicheres Wissen sei. Erst Parmenides, der nach Xenophanes in Elea als Philosoph auftrat, entwickelt plötzlich diese gesteigerten Ansprüche bezüglich der Geltung seiner Theorien. Xenophanes war also im Vergleich zu Parmenides ein überaus bescheidener Gelehrter. Sein Hauptthema war philosophische Theologie. Xenophanes war ein Gegner der griechischen Vielgötterei und wollte die Vielheit der Götter der griechischen Mythologie durch einen einzigen, kugelförmigen Gott ersetzt sehen.

In hohem Alter lernt Xenophanes den damals noch jungen Parmenides kennen. Dieser Parmenides interessiert sich nur wenig für Theologie. Er entwickelt vielmehr eine radikale Philosophie des Seienden (siehe oben), die er dann später in einem Lehrgedicht niederlegt. Von diesem Lehrgedicht kennen wir heute noch größere Teile. In dem Gedicht lässt Parmenides seine Philosophie in teils recht dunklen Versen von einer Göttin verkünden. Die Details der Interpretation dieses Gedichts sind bis heute umstritten.

Natürlich erntet Parmenides mit seiner Theorie des Seienden nicht nur Zuspruch, sondern auch reichlich Kritik sowie ausgiebig Spott und Hohn. Ein weiterer eleatischer Vorsokratiker, der Parmenides Schüler Zenon, nimmt sich der Aufgabe an, die Lehren des Parmenides gegen die vielzähligen Kritiker und Spötter zu verteidigen. Zenons Hauptwaffe bei der Verteidigung der Philosophie seines Lehrers ist die Konstruktion von Paradoxien. Wenn man, so Zenon, annimmt, dass es so etwas wie Vielheit, Teilbarkeit, Bewegung, Veränderung, etc. gibt, dann ergeben sich daraus paradoxe Schlussfolgerungen. Dabei tauchen Probleme auf, für die niemand (und erst recht nicht die Kritiker des Parmenides) eine befriedigende Lösung kenne. Die Annahme, dass es all die Dinge gebe, die sein Lehrmeister bestreitet, schaffe mehr Probleme als sie löse, so Zenon. Zenon soll einen Text mit insgesamt 40 entsprechenden Paradoxien verfasst haben. Obwohl der Text von Zenon verloren ging, kennen wir auch heute noch einige seiner Paradoxien. Die beiden bekanntesten heißen Achill und die Schildkröte sowie fliegender Pfeil.

Trotz der vielen Bemühungen von Parmenides, Zenon und anderen: Das Gerücht, dass die Sinnenwelt nicht bloß ein Hort von Täuschungen ist und dass es eine Wirklichkeit jenseits des von Parmenides bestimmten Seienden gibt, lässt sich einfach nicht aus der Welt schaffen. Und schon bald entstehen wieder neue naturphilosophische Ansätze, um diese mehr "sinnliche" Art der Wirklichkeit mit ihren Bewegungen und Veränderungen, mit ihrem Werden und Vergehen zu verstehen. Diese neuen naturphilosophischen Ansätze reagieren allerdings in einem Punkt durchaus deutlich auf die Philosophie des Parmenides: Dass nichts aus dem Nichts entstehen und nichts ins Nichts vergehen kann, darin sind sich nun (praktisch) alle einig. Dass die Vorstellung, dass etwas aus dem Nichts entstehen kann absurd ist und auch dass prinzipiell nichts ins Nichts vergehen kann, gehörte zu den Thesen der parmenideischen Philosophie. In diesem speziellen Punkt widerspricht bald kaum einer mehr den Eleaten. Viele können sich zudem gut mit der Vorstellung anfreunden, dass es in der Welt - trotz aller Veränderungen - auch ewige, unwandelbare Komponenten, Teile oder Elemente gibt und das Veränderung nur insofern existiert, als dass das Unwandelbare in immer neuen Kombinationen bzw. Mischungen auftritt. Insofern finden einige Aspekte der parmenideischen Philosophie durchaus auch außerhalb von Elea einen gewissen Anklang. Eine wesentlich weitergehende Zustimmung zu den Thesen des Parmenides gibt es aber nur selten.

Die erste neue Naturphilosophie nach Parmenides legt Empedokles vor. Seine Theorie besagt, dass es vier unwandelbare Elemente gibt: Feuer, Erde, Wasser, Luft. Aus diesen vier Elementen sind alle Dinge zusammengesetzt, so Empedokles. Unter dem Einfluss von Liebe und Hass entstehen und vergehen die zusammengesetzten Dinge unserer Wirklichkeit. Aber für die grundlegenden Elemente (Feuer, Erde, Wasser, Luft) gibt es kein Entstehen oder Vergehen. Sie bleiben stets erhalten. Interpretiert man (mit einer gewissen Großzügigkeit) Liebe und Hass als Kräfte der Anziehung bzw. Abstoßung, dann hat man ein ziemlich modern und aufgeklärt wirkendes Weltbild vor sich.

Aber an Empedokles war weiß Gott nicht alles aufgeklärt. Neben seiner Tätigkeit als Naturphilosoph betätigte er sich nicht nur als Arzt und Politiker, sondern war darüber hinaus als orphisch geprägter Sühne- und Bußprediger unterwegs. In dieser Rolle kam er eines Tages auf die Idee, sich selbst zur Gottheit zu erklären. Aber Empedokles wird nicht das Leben eines Gottes gegönnt. Seine Mitbürger entschieden sich stattdessen dafür, ihn aus seiner Heimatstadt zu verbannen. Zum Ende der irdischen Existenz von Empedokles gibt es mehrere Versionen: Manche sagen er hätte sich in den Krater des Ätnas gestürzt, andere er sei als Gott zum Himmel aufgefahren.

Der nächste Vorsokratiker von dem zu berichten ist, heißt Anaxagoras. Verglichen mit Empedokles ist er ein vergleichsweise nüchterner Denker. Der aus dem ionischen Klazomenai stammende Naturphilosoph verbringt viele Lebensjahre in Athen und sorgt so dafür, dass die ionische Naturphilosophie nun endlich auch in Athen bekannt wird. Er gehörte zum Freundeskreis um Perikles und seine naturphilosophische Schrift konnte man auf dem Marktplatz von Athen käuflich erwerben.

Anaxagoras macht die Athener mit einigen neuen Gedanken vertraut: Der Mond hat kein eigenes Licht, sondern erstrahlt nur im Widerschein der Sonne. Finsternisse entstehen durch den Schatten, den ein Himmelskörper auf einen anderen wirft. Und: Die Sonne ist ein glühender Stein, größer als der Peloponnes. Diese letzte Behauptung hat Anaxagoras erheblichen Ärger eingebracht. Er wurde wegen Leugnung der Götter angeklagt und musste Athen wieder verlassen.

Was die naturphilosophischen Theorien zu Veränderungen und zum Werden und Vergehen von Dingen angeht, so bereitet die Interpretation seiner Theorie heutzutage einige Schwierigkeiten. Der Kernpunkt aller Probleme mit den naturphilosophischen Theorien des Anaxagoras zum Werden und Vergehen ist ein nur schwer interpretierbares Fragment: In jedem ist ein Teil von jedem enthalten“. Wenn man genau wüsste wie Anaxagoras dies gemeint hat, dann wäre man einen entscheidenden Schritt weiter.

Das eben zitierte Anaxagoras Fragment lautet vollständig: In jedem ist ein Teil von jedem enthalten, mit Ausnahme des Geistes. In einigen ist aber auch Geist enthalten.“ Der Geist, genauer das Nous, spielt bei Anaxagoras eine ganz besondere Rolle. Anaxagoras macht Nous für den Unterschied zwischen belebter und unbelebter Natur verantwortlich. Nur was auch Nous enthält, ist auch belebt. Zudem ist das Nous für die Entstehung von Welten (von denen es nach Meinung des Anaxagoras viele gibt) verantwortlich. Das Nous sorgt für den Anfang. Es erzeugt eine initiale Bewegung, aus der heraus es dann zur Entstehung einer Welt kommt. Nach diesem initialen Akt überlässt das Nous die Welt (zunächst einmal) dem Wirken mechanischer Ursachen. Nur wenn es um die belebte Natur geht, greift das Nous nochmals ins Geschehen ein.

DemokritWegen der Rückgriffe auf das Nous würde man (zumindest aus heutiger Sicht) zögern, die Naturphilosophie des Anaxagoras rein materialistisch zu nennen. Als erste rein materialistische Naturphilosophie der griechischen Antike gilt der frühe Atomismus von Leukipp und Demokrit. Leukipp ist der Begründer des frühen Atomismus, Demokrit sein Schüler. Auf Grund der schwierigen Quellenlage können wir die Leistungen der beiden nicht gegeneinander abgrenzen.

Die Kernthese des frühen Atomismus lautet: Es gibt nur Atome und den leeren Raum. Der frühe Atomismus besteht also auf der Existenz des Leeren. Die Eleaten hatten dessen Existenz vehement bestritten. Die frühen Atomisten sind die ersten, die ihnen in diesem Punkt laut und deutlich widersprechen. Sehr viele antike Gelehrte werden sich ihnen bei diesem Streitpunkt allerdings nicht anschließen. Die Existenz von leeren Raum, einem Vakuum, bleibt in der Antike eine ziemlich unpopuläre Sache.

Für die frühen Atomisten ist der Raum zusätzlich unbegrenzt und unendlich. Und wenn man Zweifel an bestimmten antiken Quellen mal etwas zurückstellt, dann kannte das Raumkonzept der frühen Atomisten weder oben noch unten. Ein unendlicher Raum, kein oben und kein unten, so etwas klingt nun in der Tat extrem modern.

In diesem unendlichen Raum wirbelten unendlich viele Atome umher. Die Atome sind dabei viel zu klein, als dass wir sie wahrnehmen könnten. Manchmal, wenn sie sich zufällig treffen, verhaken sie sich ineinander. Das war auch der Mechanismus mittels dessen die Entstehung größerer, sinnlich wahrnehmbarer Objekte erklärt wurde. Lösen sich diese rein mechanisch gedeuteten Verbindungen der Atome wieder, dann lösen sich auch die sinnlich wahrnehmbaren Objekte wieder auf. Aber bei all dem bleiben die Atome stets erhalten.

Die Atome galten als unwandelbar und ewig. Sie waren seit ewigen Zeiten (in einem ansonsten leeren Raum) umherwirbelnd unterwegs. Auf dieser Grundlage wurde alles gedeutet. Und dieses alles umfasst sowohl die Weltentstehung als auch die Lebensvorgänge, bis hin zum menschlichen Bewusstsein. Für irgendeine Art von Nous gibt es hier keine Verwendung. Ergänzt wird dieser Materialismus durch eine deterministische Weltsicht: Alles passiert auf Grund von (naturgesetzlicher) Notwendigkeit. Auf Grund dieser Kombination von Merkmalen (Eintreten für die Existenz eines unendlichen, teils leeren Raums plus Materialismus plus Determinismus) hat der demokritsche Atomismus viele Feinde. Einer der prominentesten heißt Aristoteles.

Obwohl Demokrit in der Antike sicherlich nicht nur Fürsprecher hatte, trägt er dennoch den recht wohlwollend klingenden Beinamen der lachende Philosoph. Dieser Beiname spielt auf die von Demokrit vertretene Ethik an:

Demokrit will in seiner Ethik den Weg zu einem wohlgemuten Leben weisen. Demokrit warnt davor, sich sein Leben durch Furchtsamkeit und unbegründete Ängste oder durch übertriebenen Ehrgeiz und enttäuschte Hoffnungen vergällen zu lassen. Er empfiehlt ganz allgemein Mäßigung und eine Lebensführung, bei der man sich vor allem um Harmonie und heitere Gelassenheit bemüht.

Egal wie man zum demokritschen Materialismus und Determinismus steht, das klingt doch ganz gut. Oder?

Als Demokrit 380 (v.Chr.) stirbt, liegt das Gerichtsverfahren mit dem Todesurteil gegen Sokrates schon beinahe 20 Jahre zurück. Trotzdem wird Demokrit gemeinhin zu den Vorsokratikern gezählt. Der Wortursprung verrät eben nicht immer alles über den Wortsinn.


Der Text Vorsokratik: Von Xenophanes bis Demokrit (www.antike-griechische.de/Vorsokratik-2.pdf) schildert den hier skizzierten Teil der Vorsokratik in knapper Form auf wenigen dutzend Seiten. Ergänzend enthält der Text noch je einen kurzen Abschnitt zur Sophistik und zu Hippokrates von Kos. Der Gesamtumfang beträgt 56 Seiten.

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